Handlungsfeld Familie, Erziehung und Partnerschaft

Wir müssen deutlich zwischen An-Alphabeten mit Migrationshintergrund, also genauer ohne deutsche Schulbildung, und (funktionalen) An-Alphabeten, die eine deutsche Schulbildung wenigstens teilweise
absolviert haben, unterscheiden.

Aus kulturellen Gründen ist es An-Alphabeten mit Migrationshintergrund oft nicht klar, dass es in Deutschland eine Schulpflicht gibt und warum. Daher wird in den Familien nicht klar oder gar nicht kommuniziert, warum
die Kinder zur Schule gehen. In diesen Familien finden die Frauen es nicht problematisch, dass sie nicht lesen und schreiben können. Die Männer reagieren aber empfindlich und möchten beim Lernen unter sich sein.

Auch in Familien ohne Migrationshintergrund haben Kinder Probleme bzgl. der Schulpflicht bzw. des Schulbesuches. Denn die Eltern unterstützen möglicherweise die Kinder nicht dabei, die Schule regelmäßig zu
besuchen, sie kontrollieren es nicht, weil sie selbst sehr schlechte Erfahrungen mit der Schule gemacht haben. Eltern, die nicht lesen und schreiben können, nehmen ungern an Elternversammlungen teil, aus Angst ihre Schwäche könnte entdeckt werden, wollen ungern Schulgebäude betreten etc. Aus der Erfahrung heraus, Lehrer helfen sowieso nicht, ist es möglich, dass sie den Sinn von Elternversammlungen gar nicht verstehen. So kommt es dazu, dass sie am Schulleben ihrer Kinder nicht teilnehmen, und so nicht merken, dass vielleicht auch die Kinder Defizite beim Lernen und Umsetzen des Gelernten haben. Daher hat die Schule auch kaum Gewicht im Leben der Familie, weil sie nie oder selten zum Thema gemacht wird oder nur im negativen Zusammenhang mit der eigenen Schulzeit steht. Zum anderen kann es auch sein, so die Erfahrungen, dass Eltern ihre Kinder zu sehr maßregeln, wenn sie keine Einsen oder Zweien nach Hause bringen. Vielleicht aus Angst, ihre Kinder könnten ähnlich schlechte Erfahrungen in der Gesellschaft haben, wenn sie schlechte Noten haben. Schwierig ist, dass sie den Kindern kaum Vorbild in Sachen Lernen, Lesen und Schreiben und Allgemeinbildung sein können. Merken die Kinder das und erkennen die Ursache, verlieren sie den Respekt, müssen u.U. Aufgaben der Erwachsenen übernehmen und helfen, die mangelnden Kenntnisse ihrer Eltern zu kompensieren.

Eine weitere Erfahrung ist der große bürokratische Aufwand, wenn die Ursache von Schwierigkeiten beim Lernen erkannt werden soll (z.B. Teilleistungsschwächen) und Schüler gefördert werden sollen. Institutionen wie z.B. der Schulpsychologische Dienst brauchen aufgrund der großen Nachfrage sehr lang, um Hilfe zu stellen. Sind Eltern als An-Alphabeten eingeschüchtert und fehlt das Selbstbewusstsein und das Wissen über vieles, können sie entsprechende Hilfe für ihre Kinder nicht einfordern. Oft folgt nach Feststellung der Schwächen der Kinder nur die
Feststellung des Förderstatus, aber konkrete Hilfe gibt es nicht, so die Meinung in der Gruppe.

An-Alphabeten haben zum großen Teil einen kleineren Wortschatz auch im Mündlichen und haben geringeres Allgemeinwissen, was dazu führt, dass auch ihre Kinder bildungsfern erzogen werden, dass berufliche
Möglichkeiten für Jugendliche in der Familie nicht besprochen werden können, in den Familien nicht gelesen und geschrieben wird und auch nicht kommuniziert wird, warum dies wichtig wäre.

Problematik in Partnerschaften mit als auch ohne Kinder ist, dass der Partner oft angelogen wird, die Beziehungen auf Lügen aufgebaut sind und Betroffene sich auch im engsten Familienkreis, in ihren „4 Wänden“
verstecken. Das baut Stress auf und macht krank. Sie können sich nicht einmal bei ihrem Partner Hilfe holen und fühlen sich allein gelassen. Andererseits entstehen auch Abhängigkeiten, weil Betroffene nicht das
Gefühl haben, alleine zu leben und bleiben aus Angst zu versagen bei ihrem Partner, auch wenn sie eigentlich das Gefühl haben, ausbrechen zu wollen.

Eine weitere Erfahrung, die gemacht wurde ist die, dass Jugendämter oft in Familien involviert sind, in der es An-Alphabeten gibt. In diesem Fall ist es problematisch, dass in solchen Fällen teilweise auch für
Kindeswohlgefährdung plädiert wird, weil die Mütter sich nicht als An-Alphabeten zu erkennen geben wollen und vom Jugendamt her die Ansicht besteht, die Mutter könne für ihr Kind nicht sorgen. Würde Qualifizierung
der Mitarbeiter dazu führen, dass sie erkennen, welche Ursache „das Nichtkümmern“ hat, könnte den Familien besser geholfen werden

Autor: Ulrike Busse

Zusammenfassung des Plenumstreffens am 28.03.2012

Fast 40 Vertreter aus der Politik, von  Bildungseinrichtungen und Beratungsstellen, sowie andere Interessierte und auch direkt Betroffene kamen am 28. März zum ersten Plenumstreffen in diesem Jahr zusammen.

Nach einleitenden Reden von der Schirmherrin Dr. Franziska Giffey, Bezirksstadträtin für Bildung, Schule, Kultur und Sport, und Ingan Küstermann vom Verein „Lesen und Schreiben, e.V.“ wurde eine wichtige Erkenntnis benannt: An-Alphabetismus ist kein reines Migrationsproblem und auch kein reines Bildungsproblem.

Das bedeutet, dass mangelnde Alphabetisierung und Grundbildung Auswirkungen auf ganz verschiedene Handlungsfelder hat: auf Gesundheit, auf Arbeit/Ökonomie, auf Justiz/Kriminalität, auf Kultur, auf zivilbürgerliches Engagement/sozialer Zusammenhang/Politikbeteiligung und auf Familie/Erziehung/Partnerschaft. (Quelle: Vortrag von Marion Döbert, www.reticon.de/nachrichten/alphabetisierung-ist-keine-insel-im-meer_2706.html)

Diese Handlungsfelder waren dann auch die Schwerpunkte des anschließenden Austauschs in Kleingruppen. Wie wirkt sich zum Beispiel mangelnde Grundbildung auf die Gesundheit aus? Welche Probleme können in der Familie oder in der Partnerschaft aus mangelnder Grundbildung resultieren? Es wurde unter anderem beschrieben, dass An-Alphabeten ein sehr viel höheres Risiko haben, an so unterschiedlichen Krankheiten, wie Depressionen, Essstörungen, Darmkrankheiten, Migräne und körperlicher Verspannung zu erkranken. Mangelnde Grundbildung kann auch zu dem Gefühl nicht zur Gesellschaft zu gehören, das sich entweder zum Rückzug aus Politik und Kultur oder in Kriminalität entlädt. Es wurde erkannt, dass an allen diesen Schnittpunkten für das Thema sensibilisiert werden muss. Das Alpha-Bündnis Neukölln braucht in vielen dieser Handlungsfelder noch weitere Partner.

Abschließend wurde die Weiterarbeit geplant. Es entstanden 3 Arbeitsgruppen zu den Themen „Netzwerkarbeit“, „Grundbildung und Gesundheit“ und „Grundbildung und Arbeit“. Außer der Möglichkeit aktiv an der Gruppenarbeit teilzunehmen, können Interessierte und Partner je nach eigenen Kapazitäten auch nur zu den gemeinsamen Plenumstreffen kommen, oder das Bündnis moralisch unterstützen, d.h. die Beitrittserklärung unterzeichnen und sich regelmäßig per Newsletter über die Weiterentwicklung auf dem Laufenden halten.

Das nächste Plenumstreffen findet am 6. Juni statt.

Aktionsbündnis Alphabetisierung und Grundbildung Neukölln – Was 2011 geschah:

Zum letzten Plenumstreffen im Jahr 2011 kamen über 20 Teilnehmer, die sich nach einleitenden Reden von Ingan Küstermann von „Lesen und Schreiben e.V.“ und der Bezirksstadträtin Dr. Franziska Giffey zu verschiedenen Problemen der Alphabetisierung und Grundbildung austauschten und nach Lösungsmöglichkeiten suchten.

Festgestellt wurde zum Beispiel, dass ein großer Sensibilisierungsbedarf bei Ämtern, Einrichtungen und Beratungsstellen besteht. Aber auch die breite Öffentlichkeit muss auf das Thema aufmerksam gemacht werden. Dazu wurden Ideen gesammelt, z.B. einen gemeinsamen Presseverteiler zu nutzen, eventuell einen Förderverein zu gründen, ein Quartiersmanagement für ganz Nord-Neukölln einzurichten oder Künstler zu gewinnen.

Als weitere Schwierigkeit wurde erkannt, dass unterschiedliche Vorstellungen über funktionale An-Alphabeten bestehen: sind sie deutsche Muttersprachler oder haben sie eine andere Muttersprache? Sind sie hier in Deutschland oder woanders aufgewachsen? Bei deutschsprachigen An-Alphabeten drängt sich dann die Frage auf, welche Probleme es im Schulsystem geben könnte. Hier wurde die Klassengröße genannt, aber auch die fehlende Sprachförderung und ein mögliches Desinteresse oder Überforderung der Lehrer/innen.

Allgemein gilt, dass Alphabetisierung als reines Bildungsproblem gesehen wird und daher die soziale Beratung vernachlässigt wird. Diesen Missständen wurden Lösungsmöglichkeiten entgegengestellt: eine bessere Aufklärung durch z.B. den Aufbau eines Beratungszentrums Neukölln oder einem/r Beauftragten für Alphabetisierung und Grundbildung in Neukölln. Außerdem müssten eine bessere Vermittlung in die verschiedenen Alphabetisierungsangebote ermöglicht werden, weitere Lernangebote eröffnet werden und attrakive, niedrigschwellige  Kulturangebote  entstehen, bzw. Zugang zu den bestehenden Angeboten vermittelt werden. Es wurde auch über eine Kooperation zwischen „Lesen und Schreiben e.V.“ und Anbietern von Integrationskursen nachgedacht. Vielleicht könnten auch eine Sitzung des Bildungsausschusses  im Verein „Lesen und Schreiben e.V.“ stattfinden.

Schließlich ging es um die Arbeit im Netzwerk und um das effektive Nutzen gemeinsamer Ressourcen. Zu wenig Betroffene, aber vor allem auch zu wenig Einrichtungen kennen „Lesen und Schreiben e.V.“. Daher sind verstärkte Informationsveranstaltungen, zentral gesammelte Informationen sowie ein besseres Zusammenarbeiten zwischen Anbietern in Neukölln notwendig. Wichtig ist auch der gute Übergang von der Beratungssituation in passende Angebote, da sich die Betroffenen häufig allein gelassen fühlen und sich nichts alleine zu trauen.

Nach dieser Einschätzung der Situation entstanden einige konkrete Vorschläge und Angebote. Das Kulturamt ermöglicht Betroffenen den Zugang zur Galerie und Termine für Information und Austausch wurden bekanntgegeben.  Eine Finanzierung des Aktionsbündnisses wurde endlich überdacht, und konnte 2012 in ein einjähriges Projekt „Alpha-Bündnis Neukölln“ umgesetzt werden.