Wie geht es 2013 weiter?

5 Stunden pro Woche für die Koordination des Bündnisses dank der „Kreuzberger Sammelstiftung“
Wir freuen uns Ihnen mitteilen zu können, dass wir 5 Stunden pro Woche für die Koordination des Alpha-Bündnisses finanziert bekommen haben.
Claire Paturle-Zynga bleibt weiterhin die Ansprechpartnerin für unser Netzwerk. Sie können sie jeden Montag telefonisch (687 40 81) erreichen, oder auch jederzeit per Email.
Das Projekt Aktion Alpha-Kompetenz“, im Rahmen des Alpha-Bündnisses entstanden, ist durch das Programm „Lokales Soziales Kapital“ (LSK) finanziert.
Es geht dabei vorrangig um Sensibilisierungsschulungen und eine öffentliche Kampagne (Alpha-Aufkleber).
Die Ansprechpartnerin der Aktion Alpha-Kompetenz) ist Theresa Hamilton, telefonisch erreichbar Montag und Donnerstag von 9.30-15 Uhr (auch 687 40 81) und per Email auch über die Email-Adresse des Alpha-Bündnisses (alpha-buendnis@lesen-schreiben.com).
Danke an Lesen und Schreiben e.V. Berlin, der Träger beider Projekte, der die Arbeitsplätze zur Verfügung stellt und uns mit Rat und Tat zur Seite steht.
Danke an alle Bündnispartner/innen und Experten/innen, die sich im Plenumstreffen oder Arbeitsgruppen (AGs) mit uns für diese Projekte engagieren.

2012 – ein Jahr Alpha-Bündnis Neukölln

„Niemand darf sagen: Uns gibt es nicht. Das will ich nie wieder hören“. Diesen Satz formulierte eindringlich eine Frau, die im Erwachsenenalter Lesen und Schreiben gelernt hat, auf der Abschlusssitzung des Alpha-Bündnisses Neukölln.

Ca. 28.000 so genannte funktionale An-Alphabeten gibt es allein in Neukölln – deutsch sprechende und erwerbsfähige Menschen, die zwar einzelne Wörter und Sätze lesen und schreiben können, aber keine kürzeren zusammenhängenden Texte. Deutschlandweit sind es 7,5 Millionen und damit 14,5 Prozent der Gesamtbevölkerung. Mehr als die Hälfte von ihnen spricht deutsch als Erstsprache. Es gibt sie eben doch und in großer Zahl – und trotzdem ist das in der Öffentlichkeit noch viel zu wenig bekannt.

Um die Situation von funktionalen An-Alphabeten zu verbessern und die Öffentlichkeit zu informieren, dafür setzt sich das Alpha-Bündnis Neukölln ein. Das Alpha-Bündnis ist ein Netzwerk mit derzeit über 30 Bündnispartner/innen aus den unterschiedlichsten Organisationen. Funktionaler An-Alphabetismus ist, wie es Frau Döbert so passend formuliert hat, „keine Insel im Meer“, d.h. keine reine Bildungsangelegenheit. Oft begleiten die Betroffenen auch finanzielle, gesundheitliche und persönliche Probleme. Ihre Teilhabe am gesellschaftlichen Leben ist häufig stark eingeschränkt. Die Bündnispartner/innen kommen daher auch aus den Bereichen Politik, Gesundheit, Bildung, Arbeit und Soziales. Sie treffen sich regelmäßig zu Plenumstreffen (4 in 2012), auf denen zum Thema informiert wird und auf denen es Zeit zum Austausch untereinander gibt. Diese zwei Punkte sind ganz entscheidend: Für eine effektive Unterstützung Betroffener benötigt man (1.) geschulte Mitarbeiter/innen, die eventuelle Schwierigkeiten erkennen und wissen, wie sie angemessen angesprochen werden. Und (2.) einen engen persönlichen Kontakt zwischen den Organisationen untereinander, so dass passgenau weitervermittelt werden kann.

In Arbeitsgruppentreffen werden dann bestimmte Aspekte herausgegriffen und tiefgehender behandelt. In den Arbeitsgruppen Arbeit, Gesundheit, Netzwerkarbeit und Teilhabe sind verschiedene Ergebnisse entstanden: Eine Sammlung von Angeboten von Neuköllner Organisationen für die Zielgruppe, eine Argumentationshilfe für Unternehmen, Texte von Betroffenen für die Öffentlichkeitsarbeit und vieles mehr. Selbstverständlich sind auch Lerner beteiligt. Sie sind die Experten für die eigene Sache und eng in die Bündnisarbeit einbezogen.  In der AG Teilhabe erarbeiteten sie den Punkt „Wünsche der Lernenden“ oder entwickelten Texte zur Sensibilisierung.

Das Alpha-Bündnis Neukölln hat 2012 seinen Teil dazu beigetragen, dass mehr Neuköllner zum Thema informiert sind und nicht mehr sagen würden: „Euch gibt es nicht.“

 

Letztes Plenum dieses Jahres am 04. Dezember 2012

Liebe Interessierte am Alpha-Bündnis Neukölln,
wir laden Sie ganz herzlich am Dienstag, den 4.12. von 14-16 Uhr zum letzten Plenumstreffen in diesem Jahr ein.
Die Räumlichkeiten werden diesmal vom TÜV Rheinland (Boschweg 13, in der 8. Etage in Raum 811/812) zur Verfügung gestellt.
Wir werden die Ergebnisse von 2012 vorstellen und über die Zukunftsperspektive 2013 sprechen.
Bitte geben Sie uns bis zum 30.11. Rückmeldung, ob Sie am Plenumstreffen teilnehmen werden.
Wir freuen uns auf Sie!
Claire Paturle-Zynga und Theresa Hamilton

Schulungsgutschein für die Bündnispartner/innen

Liebe Bündnispartnerin, lieber Bündnispartner,

jetzt besteht das Alpha-Bündnis Neukölln bereits seit mehr als 9 Monaten und hat aktuell 26 BündnispartnerInnen!!!

Das Projekt ist erfolgreich vor allem auch durch Ihr besonderes Engagement. Dafür bedanke ich mich herzlich und freue mich, Ihnen sozusagen exklusiv einen Gutschein für eine Schulung bei unserem Bündnispartner „Lesen und Schreiben e.V.“ anbieten zu können. Hier sollen die Fragestellungen aus den Plenumstreffen aufgegriffen und der Blick für die Zielgruppe weiter geschärft werden.

Um in einer kleinen Gruppe intensiv diskutieren zu können, ist es leider nur möglich, dass pro Bündnispartner eine Person teilnimmt.

  • 1 Gutschein pro Bündnispartner/in*:
    • für einen Vertreter/ eine Vertreterin des Trägers im Alpha-Bündnis Neukölln
    • oder für eine Person Ihrer Organisation, die im Empfang arbeitet und/oder für die Zielgruppe Ansprechpartner/in sein möchte
  • Termin:
    • 13. November 2012 von 14 – 16 Uhr
    • oder am 28. November 2012 von 10 – 12 Uhr

Wer sich noch nicht angemeldet hat, sollte es schnell machen!

Liebe Grüße,

Claire Paturle-Zynga

„Wir brauchen alle Diskretion“

(Text zum Thema: Gesundheit und An-Alphabetismus, Lesung am 03.09.2012, bei AWO-Sifahane)

Es ist nachts. Ich habe große Schmerzen und mir tun die Knochen weh. Ich habe Fieber und der Kreislauf ist unten. Hoffentlich  ist es am Morgen besser, denn zum Arzt gehe ich nicht so gern. Beim Gedanken daran kriecht die Angst in mir hoch.

Ein Arztbesuch sieht nämlich meistens so aus:

Man muss ein Formular ausfüllen! Ich bekomme schon den ersten Schweißausbruch, wenn ich nur daran denke. Denn ich kann nicht gut lesen, geschweige denn gut schreiben. Was wird der Arzt von mir wollen? Und was soll ich bloß ausfüllen? Ich verstehe überhaupt nichts. Sieht man mir das etwa an?

Nun fragt die Arzthelferin mich auch schon „Sind Sie fertig mit dem Ausfüllen? Brauchen Sie noch lange?“ Und schon schauen mich alle an, die in der Praxis sind. Wissen sie, dass ich Probleme mit dem Lesen und Schreiben habe? Haben sie es bemerkt? Ich werde rot und verlasse die Praxis mit einem sehr schlechten Gefühl. Mir geht es jetzt noch schlechter als vorher.

Mein Handy klingelt- mein Arzt ist dran und fragt mich „Warum sind Sie nicht zur Untersuchung meiner Kollegen gegangen?“ Schon wieder muss ich mir die Antworten zurechtlegen. Ich hoffe, dass der Arzt nicht merkt, dass ich aus Scham und Unwissenheit die Praxis verlassen habe.

Menschen, die lesen und schreiben können- sind klar im Vorteil. Dazu ein Beispiel meines Bekannten zum Thema Diskretion.

Er ging in eine Praxis für Haut- und Geschlechtskrankheiten. Die Sprechstundenhilfe fragte ihn, was er denn habe, er antwortete darauf, er habe Syphilis. Sie und auch die anderen Patienten im Warteraum waren zutiefst entsetzt. Er wurde sofort zum Arzt gebeten. Diesem erzählte er dann, dass er denke, dass er nur ein Ekzem habe, aber er es unmöglich findet, dass die Sprechstundenhilfe so eine Frage vor anderen Patienten stellt. Der Arzt schmunzelte und versprach mit seiner Kollegin) zu sprechen.

Wie man sieht, haben auch Menschen, die lesen und schreiben können, Probleme beim Arzt, aber sie können besser reagieren, weil sie viel mutiger sind. Menschen, die Schwierigkeiten mit dem Lesen und Schreiben haben, bleiben lieber zu Hause und gehen ungern oder gar nicht zum Arzt, weil sie Angst haben, entdeckt zu werden, sich unsicher fühlen und befürchten, Fehler zu machen.

Wir brauchen alle Diskretion. Ohne die, wäre es jedem unangenehm, weil andere hinschauen oder hinhören. Es wäre besser, wenn darauf geachtet werden würde, dass die Intimsphäre der Menschen nicht verletzt wird.

Autor: AG Teilhabe

„Wenn es eine Schulung für Arzthelferinnen und Ärzte gäbe“

(Text zum Thema: Gesundheit und An-Alphabetismus, Lesung am 03.09.2012, bei AWO-Sifahane)

Ich habe einen Arzttermin und so viel geht mir wieder durch den Kopf. Hoffentlich ist da eine Arzthelferin, die nett ist. Und wie ist Arzt? 

Ich komme beim Arzt an und habe schon wieder Lust zu gehen, weil in mir die Angst hoch kommt, mich wieder zu Erkennen geben zu müssen, weil ich nicht lesen und schreiben kann. Da bekomme ich auch schon den Fragebogen, weil ich ja neu bei diesem Arzt bin. Die Arzthelferin guckt mich wieder mit diesem Blick an „Kann sie das nicht? Ist wohl zu doof dafür oder hat keine Lust dazu.“ Diese Blicke machen mir immer Angst. Ich weiß nicht, ob sie genau so denkt, aber wenn sie da so sitzt wie „7 Tage Regenwetter“- was soll ich da sonst denken?

Ich gehe ins Wartezimmer und gucke den Fragebogen voller Angst an. Nach einer halben Stunde habe ich erst meinen Namen geschrieben und nicht mehr. Da höre ich auch schon meinen Namen, den die Arzthelferin ruft. Ich weiß auch schon, was gleich kommt: die Frage, ob ich fertig bin mit dem Ausfüllen. Ich weiß nicht, was ich machen soll. Meine Beine sagen mir: „Lauf weg und drehe dich nicht um“, aber mein Kopf sagt: „Bleib hier und bitte um Hilfe!“. OK, ich nehme allen Mut zusammen und bitte die Arzthelferin darum, mir zu helfen. Da kommt die Frage, die ich hasse: „Können sie nicht lesen?“ –  „ Nein, und schreiben kann ich auch nicht“ sage ich. „Waren Sie nicht in der Schule?“ fragt sie mich weiter. Ich habe jetzt so eine Angst, dass mir schon die Tränen laufen. Anstatt es nun sein zu lassen, kommt es noch schlimmer, denn sie sagt: „ Das ist kein Grund, zu heulen. Haben Sie sich nicht so, war ja nur eine Frage.“ Woher will sie wissen, ob das ein Grund zum Weinen ist? Sie hat ja nicht das Problem und sie wird auch nicht so unsensibel behandelt, wie sie es gerade mit mir  tut. Zähneknirschend hilft sie mir den Fragebogen auszufüllen, wobei ich ihr anmerken kann, dass sie keine Lust dazu hat. Gut, nun habe ich das hinter mich gebracht und gehe wieder ins Wartezimmer. Die Zeit kommt mir wie eine Ewigkeit vor, bis ich meinen Namen wieder höre.

Ich gehe in das Behandlungszimmer und warte auf den Arzt, der ein paar Minuten später kommt. Er sagt mir guten Tag und fragt mich, was ich habe. Ich erzähle ihm, warum ich da bin und wo es mir weh tut. Ich erwähne auch gleich so nebenbei, dass ich nicht lesen und schreiben kann, da ich nicht noch mal das Gleiche durchmachen will, wie eben mit der Arzthelferin. Zu meinem Erstaunen lacht er nur und sagt: „ Ich habe kein Problem damit.“ Ich bekomme große Augen, denn damit habe ich nicht gerechnet. Ich erzähle ihm,  was ich im Wartezimmer mit der Arzthelferin durchmachen musste. Ich sage ihm, dass es schön wäre, wenn sie nur ein bisschen Mitgefühl für uns hätte, denn wir sind ja nicht doof, sondern haben nur eine Schwäche wie andere auch. Er verspricht, sich darum zu kümmern.

Als ich das nächste Mal beim Arzt bin, entschuldigt sich die Arzthelferin. Seitdem ist sie immer nett zu mir.

Wenn es eine Schulung für Arzthelferinnen und Ärzte gäbe, wo sie uns und die Tatsache, dass es uns gibt, kennenlernen würden- würden sie lernen, mit uns umzugehen- vieles wäre dann einfacher.

Autor: AG Teilhabe

Unser 3. – und vorletztes – Plenum: Zusammenfassung

So schnell kann’s gehen: Ende August fand unser schon vorletztes Plenumstreffen statt. Dafür versammelten sich ca. 30 Bündnispartner/innen und Interessierte  in den neuen Räumlichkeiten des Neuköllner LernLadens. Vielen Dank, LernLaden, für eure Gastfreundschaft!
Die Sitzung begann mit einer Zusammenfassung des aktuellen Stands unseres Bündnisses. Es bestand im August aus 15 Bündnispartner/innen aus Neukölln und 2 Partnerorganisatoren aus anderen Bezirken. Dazu kommen 7 Lerner/innen (=Experten/innen), die als AG Teilhabe ebenfalls Teil des Alpha-Bündnisses sind. Bis dahin waren schon 2 direkte Kooperationen von Bündnispartner/innen entstanden und 3 öffentliche Veranstaltungen und 3 Plenumstreffen organisiert. Unser Blog findet auch seine Leser, wir haben durchschnittlich 7 Klicks pro Tag.

Nachdem Mitglieder der Arbeitsgruppen von ihren Fortschritten berichteten, wurde der Begriff der „Grundbildung“ genauer spezifiziert. Was meinen wir eigentlich, wenn wir von „Grundbildung“ reden? Und wieso wird in vielen Fällen „Grundbildung“ in einem Atemzug mit „Alphabetisierung“ genannt (vgl. z.B. „Bundesverband für Alphabetisierung und Grundbildung“ oder „Nationale Strategie für Alphabetisierung und Grundbildung Erwachsener“)? Wir haben als Bündnis festgestellt, dass „Grundbildung“ der umfassendere Begriff ist, den wir auch nach innen und außen hin verwenden wollen (siehe auch Präsentation Alphabetisierung und Grundbildung).

Ein sehr wichtiger Teil des Plenums war auch der Beitrag der AG Teilhabe, die in ihren Treffen ihre Wünsche und Erwartungen formulierten, und sie zum Plenumstreffen vortrugen:

  • Wir brauchen in jeder Einrichtung eine/n Ansprechpartner/in für funktionale An-Alphabeten.
  • Diese/r Ansprechpartner/in soll zum Thema geschult werden.
  • Wir erwarten, dass sich diese Ansprechpartner angemessen viel Zeit für uns nehmen (so wie für Menschen mit Migrationshintergrund auch)

Das Plenum stieg dann in die Gruppenarbeit ein. In Kleingruppen wurde gemeinsam der Fragebogen bearbeitet und ausgefüllt, den die AG Netzwerkarbeit zur Erfassung von Angeboten für die Zielgruppe erstellt hatte.

Zusammenfassung 2.Plenumstreffen

Seit dem ersten Plenumstreffen Ende März hat sich im Alpha-Bündnis Neukölln viel getan, wie wir beim zweiten Treffen gemeinsam feststellen konnten.

Einleitend wurde die Zielgruppe des Alpha-Bündnisses Neukölln genau definiert: es betrifft diejenigen Lese- und Schreibschwachen, die ausreichend deutsch sprechen. Damit folgt das Bündnis der Leo-Studie und macht auf Bevölkerungsgruppen aufmerksam, die sonst meist unsichtbar bleiben.

Auf eine Präsentation von Ingan Küstermann zu Ursachen und Tarnung von Menschen mit mangelnder Grundbildung folgte eine Gruppenarbeit zum Thema „Woran erkenne ich die Zielgruppe in meiner Einrichtung?“ Unter anderem wurde genannt:

  • beim Namen schreiben oder malen
  • bei Missverständnissen bei Uhrzeit oder Verspätung bei Terminen
  • fehlendes Selbstbewusstsein
  • Lebenskünstler
  • starker Energieaufwand
  • u.v.m.

Auch über die Erwartungen an das Alpha-Bündnis Neukölln wurde differenziert diskutiert. Dabei wurde genannt:

  • einzelne Kompetenzen der Netzwerkpartner kennen und nutzen
  • Sensibilisierung/Wahrnehmung in der Gesellschaft schaffen
  • Schulung für die Mitarbeiter der Einrichtungen/Weiterbildungsmöglichkeiten von Dozenten schaffen
  • Weitervermittlung Betroffener an richtige Ansprechpartner
  • mehr Verständnis (bei Arbeitgebern/Einrichtungen) um Teilhabe an Leben zu erleichtern
  • finanzielle (Weiter-)Förderung von bereits bestehenden Projekten zum Thema
  • Stellung konkreter Forderungen basierend auf aktuellen Bedarfen/Problemlagen
  • u.v.m.

Abschließend wurde aus den Arbeitsgruppen berichtet, die sich beim letzten Treffen gegründet hatten:

  • AG „Netzwerkarbeit“ (unterstützt die Koordination und den Ausbau des Bündnisses)
  • AG „Arbeit und Grundbildung“ (untersucht Grundbildung als Vorrausetzung zum Einstieg oder Verbleib in Arbeit und Ausbildung)
  • AG „Teilhabe“ (Austausch von Betroffenen und Verfassen von Texten, die auch in unregelmäßigen Abständen auf dem Alpha-Bündnis-Blog  veröffentlicht werden)
  • AG „Gesundheit und Grundbildung“ (bis jetzt noch eine Kooperation von Lesen und Schreiben e.V. und AWO Shifahane)

Weitere wichtige Ergebnisse umfassen das Angebot von Lesen und Schreiben e.V. , ab August 1x im Monat ein Treffen zu organisieren, um Bündnispartner noch genauer über die Zielgruppe, Möglichkeiten der Ansprache usw. zu informieren. Die Gründung einer Arbeitsgruppe „Politik und Grundbildung“ und die Präsentation des Alpha-Bündnisses Neukölln bei der „Woche der Sprachen und des Lesens“ wurden vorgeschlagen.

Unser nächstes Plenumstreffen findet am 22.August 2012 von 10:00 – 12.00 Uhr statt; der Raum wird noch bekannt gegeben.

Autor: Theresa Hamilton

Unterwegs beim Einkaufen für einen Kuchen!

Ich will einen Kuchen backen.

Es ist schwer, weil ich mir ja keinen Einkaufzettel schreiben kann. Ich muss mir alles einprägen. Das heißt, ich merke mir, wie was aussieht und klingt. „Geht das denn?“ fragt ihr euch. Klar geht das. Denn Backpulver und Vanillezucker klingen nicht gleich, wenn man sie schüttelt.

Nun mal los zum Einkaufen. Ich bin im Laden und versuche mich daran zu erinnern, was ich brauche und wie es aussieht. Dabei habe ich ein Scheißgefühl immer wieder aufs Neue, weil hier keiner weiß, dass ich nicht lesen kann. Das muss auch so bleiben, denn sie würden es nicht verstehen.

Alle können lesen, alle waren in der Schule! Niemand kann sich vorstellen, wie es ist, Schwierigkeiten im Lesen zu haben! Und scheinbar glaubt niemand, dass es Menschen wie mich gibt.

Ich brauche noch Milch. Das ist eine blaue Packung, wo ein Glas weiße Milch drauf ist. Ich muss aufpassen, denn es gibt ja die mit 1,5 % Fett und die 3,5 %ige. Ich brauche die mit 3,5% Fett. Das ist auch das, was mir dabei hilft, die Milch zu erkennen. Die 3,5 ist eine kleine Zahl, aber so eine große Hilfe für mich. ‚Eier habe ich zu Hause.’ denke ich, als mich plötzlich eine Frau fragt, ob ich wüsste, wo die Bratensoße sei. Verdammt! Panik macht sich in mir breit. ‚Was soll ich sagen? Dass ich es nicht weiß oder dass ich nicht lesen kann? Dass ich nicht mal weiß, wie die Packung aussieht?’ frage ich mich. Ich sage ihr, dass ich ihr leider nicht helfen kann und wende mich wieder meinem Einkauf zu. Verdammt! Das ist einer der Momente, die ich hasse, weil sie mich total überfordern.

Und da ist auch schon mein nächstes Problem! Ihr fragt euch, was das für ein Problem ist? Die Frage der Frau hat mich sehr durcheinander gebracht. Deswegen habe ich jetzt vergessen, was ich brauche und so doll ich mich auch anstrenge, es will mir nicht einfallen. Alles nur weil ich immer so eine Panik  habe, wenn so etwas passiert. Ich weiß nicht, was ich machen soll. Es ist immer so. Nun habe ich das Gefühl, wieder versagt zu haben. Ich gebe auf und gehe zur Kasse, bezahle mein Einkauf, mit dem Wissen, dass ich nicht alles habe, was ich einkaufen wollte.

Zuhause angekommen schmeiße ich alles hin und ärgere mich über mich selbst. Es muss doch etwas geben, was ich machen kann, damit ich es leichter im Leben habe. Da fällt mir ein, dass ich mal über so einen Verein gehört habe, wo ich das Lesen lernen kann. Ich horche mich um. Beim Arbeitsamt helfen sie mir. Sie geben mir die Adresse mit der Telefonnummer.

Am nächsten Tag rufe ich dort an und bekomme einen Termin. Ich freue mich darüber aber habe auch Angst. ‚Wie sind die Leute da und was wird von mir erwartet?’  Fragen über Fragen, die mir im Kopf rumschwirren. Was soll ich euch sagen? Heute bin ich dort und lerne lesen und schreiben und auch viele Menschen kennen. Alle sind liebe Menschen und helfen, wo sie können.

Und so habe ich schon eine Menge gelernt. Auch das Einkaufen ist nun kein Problem mehr. Das ist das Beste, was mir passieren konnte in meinem Leben.

Autor: AG Teilhabe