„Wir brauchen alle Diskretion“

(Text zum Thema: Gesundheit und An-Alphabetismus, Lesung am 03.09.2012, bei AWO-Sifahane)

Es ist nachts. Ich habe große Schmerzen und mir tun die Knochen weh. Ich habe Fieber und der Kreislauf ist unten. Hoffentlich  ist es am Morgen besser, denn zum Arzt gehe ich nicht so gern. Beim Gedanken daran kriecht die Angst in mir hoch.

Ein Arztbesuch sieht nämlich meistens so aus:

Man muss ein Formular ausfüllen! Ich bekomme schon den ersten Schweißausbruch, wenn ich nur daran denke. Denn ich kann nicht gut lesen, geschweige denn gut schreiben. Was wird der Arzt von mir wollen? Und was soll ich bloß ausfüllen? Ich verstehe überhaupt nichts. Sieht man mir das etwa an?

Nun fragt die Arzthelferin mich auch schon „Sind Sie fertig mit dem Ausfüllen? Brauchen Sie noch lange?“ Und schon schauen mich alle an, die in der Praxis sind. Wissen sie, dass ich Probleme mit dem Lesen und Schreiben habe? Haben sie es bemerkt? Ich werde rot und verlasse die Praxis mit einem sehr schlechten Gefühl. Mir geht es jetzt noch schlechter als vorher.

Mein Handy klingelt- mein Arzt ist dran und fragt mich „Warum sind Sie nicht zur Untersuchung meiner Kollegen gegangen?“ Schon wieder muss ich mir die Antworten zurechtlegen. Ich hoffe, dass der Arzt nicht merkt, dass ich aus Scham und Unwissenheit die Praxis verlassen habe.

Menschen, die lesen und schreiben können- sind klar im Vorteil. Dazu ein Beispiel meines Bekannten zum Thema Diskretion.

Er ging in eine Praxis für Haut- und Geschlechtskrankheiten. Die Sprechstundenhilfe fragte ihn, was er denn habe, er antwortete darauf, er habe Syphilis. Sie und auch die anderen Patienten im Warteraum waren zutiefst entsetzt. Er wurde sofort zum Arzt gebeten. Diesem erzählte er dann, dass er denke, dass er nur ein Ekzem habe, aber er es unmöglich findet, dass die Sprechstundenhilfe so eine Frage vor anderen Patienten stellt. Der Arzt schmunzelte und versprach mit seiner Kollegin) zu sprechen.

Wie man sieht, haben auch Menschen, die lesen und schreiben können, Probleme beim Arzt, aber sie können besser reagieren, weil sie viel mutiger sind. Menschen, die Schwierigkeiten mit dem Lesen und Schreiben haben, bleiben lieber zu Hause und gehen ungern oder gar nicht zum Arzt, weil sie Angst haben, entdeckt zu werden, sich unsicher fühlen und befürchten, Fehler zu machen.

Wir brauchen alle Diskretion. Ohne die, wäre es jedem unangenehm, weil andere hinschauen oder hinhören. Es wäre besser, wenn darauf geachtet werden würde, dass die Intimsphäre der Menschen nicht verletzt wird.

Autor: AG Teilhabe

„Wenn es eine Schulung für Arzthelferinnen und Ärzte gäbe“

(Text zum Thema: Gesundheit und An-Alphabetismus, Lesung am 03.09.2012, bei AWO-Sifahane)

Ich habe einen Arzttermin und so viel geht mir wieder durch den Kopf. Hoffentlich ist da eine Arzthelferin, die nett ist. Und wie ist Arzt? 

Ich komme beim Arzt an und habe schon wieder Lust zu gehen, weil in mir die Angst hoch kommt, mich wieder zu Erkennen geben zu müssen, weil ich nicht lesen und schreiben kann. Da bekomme ich auch schon den Fragebogen, weil ich ja neu bei diesem Arzt bin. Die Arzthelferin guckt mich wieder mit diesem Blick an „Kann sie das nicht? Ist wohl zu doof dafür oder hat keine Lust dazu.“ Diese Blicke machen mir immer Angst. Ich weiß nicht, ob sie genau so denkt, aber wenn sie da so sitzt wie „7 Tage Regenwetter“- was soll ich da sonst denken?

Ich gehe ins Wartezimmer und gucke den Fragebogen voller Angst an. Nach einer halben Stunde habe ich erst meinen Namen geschrieben und nicht mehr. Da höre ich auch schon meinen Namen, den die Arzthelferin ruft. Ich weiß auch schon, was gleich kommt: die Frage, ob ich fertig bin mit dem Ausfüllen. Ich weiß nicht, was ich machen soll. Meine Beine sagen mir: „Lauf weg und drehe dich nicht um“, aber mein Kopf sagt: „Bleib hier und bitte um Hilfe!“. OK, ich nehme allen Mut zusammen und bitte die Arzthelferin darum, mir zu helfen. Da kommt die Frage, die ich hasse: „Können sie nicht lesen?“ –  „ Nein, und schreiben kann ich auch nicht“ sage ich. „Waren Sie nicht in der Schule?“ fragt sie mich weiter. Ich habe jetzt so eine Angst, dass mir schon die Tränen laufen. Anstatt es nun sein zu lassen, kommt es noch schlimmer, denn sie sagt: „ Das ist kein Grund, zu heulen. Haben Sie sich nicht so, war ja nur eine Frage.“ Woher will sie wissen, ob das ein Grund zum Weinen ist? Sie hat ja nicht das Problem und sie wird auch nicht so unsensibel behandelt, wie sie es gerade mit mir  tut. Zähneknirschend hilft sie mir den Fragebogen auszufüllen, wobei ich ihr anmerken kann, dass sie keine Lust dazu hat. Gut, nun habe ich das hinter mich gebracht und gehe wieder ins Wartezimmer. Die Zeit kommt mir wie eine Ewigkeit vor, bis ich meinen Namen wieder höre.

Ich gehe in das Behandlungszimmer und warte auf den Arzt, der ein paar Minuten später kommt. Er sagt mir guten Tag und fragt mich, was ich habe. Ich erzähle ihm, warum ich da bin und wo es mir weh tut. Ich erwähne auch gleich so nebenbei, dass ich nicht lesen und schreiben kann, da ich nicht noch mal das Gleiche durchmachen will, wie eben mit der Arzthelferin. Zu meinem Erstaunen lacht er nur und sagt: „ Ich habe kein Problem damit.“ Ich bekomme große Augen, denn damit habe ich nicht gerechnet. Ich erzähle ihm,  was ich im Wartezimmer mit der Arzthelferin durchmachen musste. Ich sage ihm, dass es schön wäre, wenn sie nur ein bisschen Mitgefühl für uns hätte, denn wir sind ja nicht doof, sondern haben nur eine Schwäche wie andere auch. Er verspricht, sich darum zu kümmern.

Als ich das nächste Mal beim Arzt bin, entschuldigt sich die Arzthelferin. Seitdem ist sie immer nett zu mir.

Wenn es eine Schulung für Arzthelferinnen und Ärzte gäbe, wo sie uns und die Tatsache, dass es uns gibt, kennenlernen würden- würden sie lernen, mit uns umzugehen- vieles wäre dann einfacher.

Autor: AG Teilhabe

Unser 3. – und vorletztes – Plenum: Zusammenfassung

So schnell kann’s gehen: Ende August fand unser schon vorletztes Plenumstreffen statt. Dafür versammelten sich ca. 30 Bündnispartner/innen und Interessierte  in den neuen Räumlichkeiten des Neuköllner LernLadens. Vielen Dank, LernLaden, für eure Gastfreundschaft!
Die Sitzung begann mit einer Zusammenfassung des aktuellen Stands unseres Bündnisses. Es bestand im August aus 15 Bündnispartner/innen aus Neukölln und 2 Partnerorganisatoren aus anderen Bezirken. Dazu kommen 7 Lerner/innen (=Experten/innen), die als AG Teilhabe ebenfalls Teil des Alpha-Bündnisses sind. Bis dahin waren schon 2 direkte Kooperationen von Bündnispartner/innen entstanden und 3 öffentliche Veranstaltungen und 3 Plenumstreffen organisiert. Unser Blog findet auch seine Leser, wir haben durchschnittlich 7 Klicks pro Tag.

Nachdem Mitglieder der Arbeitsgruppen von ihren Fortschritten berichteten, wurde der Begriff der „Grundbildung“ genauer spezifiziert. Was meinen wir eigentlich, wenn wir von „Grundbildung“ reden? Und wieso wird in vielen Fällen „Grundbildung“ in einem Atemzug mit „Alphabetisierung“ genannt (vgl. z.B. „Bundesverband für Alphabetisierung und Grundbildung“ oder „Nationale Strategie für Alphabetisierung und Grundbildung Erwachsener“)? Wir haben als Bündnis festgestellt, dass „Grundbildung“ der umfassendere Begriff ist, den wir auch nach innen und außen hin verwenden wollen (siehe auch Präsentation Alphabetisierung und Grundbildung).

Ein sehr wichtiger Teil des Plenums war auch der Beitrag der AG Teilhabe, die in ihren Treffen ihre Wünsche und Erwartungen formulierten, und sie zum Plenumstreffen vortrugen:

  • Wir brauchen in jeder Einrichtung eine/n Ansprechpartner/in für funktionale An-Alphabeten.
  • Diese/r Ansprechpartner/in soll zum Thema geschult werden.
  • Wir erwarten, dass sich diese Ansprechpartner angemessen viel Zeit für uns nehmen (so wie für Menschen mit Migrationshintergrund auch)

Das Plenum stieg dann in die Gruppenarbeit ein. In Kleingruppen wurde gemeinsam der Fragebogen bearbeitet und ausgefüllt, den die AG Netzwerkarbeit zur Erfassung von Angeboten für die Zielgruppe erstellt hatte.

Zusammenfassung 2.Plenumstreffen

Seit dem ersten Plenumstreffen Ende März hat sich im Alpha-Bündnis Neukölln viel getan, wie wir beim zweiten Treffen gemeinsam feststellen konnten.

Einleitend wurde die Zielgruppe des Alpha-Bündnisses Neukölln genau definiert: es betrifft diejenigen Lese- und Schreibschwachen, die ausreichend deutsch sprechen. Damit folgt das Bündnis der Leo-Studie und macht auf Bevölkerungsgruppen aufmerksam, die sonst meist unsichtbar bleiben.

Auf eine Präsentation von Ingan Küstermann zu Ursachen und Tarnung von Menschen mit mangelnder Grundbildung folgte eine Gruppenarbeit zum Thema „Woran erkenne ich die Zielgruppe in meiner Einrichtung?“ Unter anderem wurde genannt:

  • beim Namen schreiben oder malen
  • bei Missverständnissen bei Uhrzeit oder Verspätung bei Terminen
  • fehlendes Selbstbewusstsein
  • Lebenskünstler
  • starker Energieaufwand
  • u.v.m.

Auch über die Erwartungen an das Alpha-Bündnis Neukölln wurde differenziert diskutiert. Dabei wurde genannt:

  • einzelne Kompetenzen der Netzwerkpartner kennen und nutzen
  • Sensibilisierung/Wahrnehmung in der Gesellschaft schaffen
  • Schulung für die Mitarbeiter der Einrichtungen/Weiterbildungsmöglichkeiten von Dozenten schaffen
  • Weitervermittlung Betroffener an richtige Ansprechpartner
  • mehr Verständnis (bei Arbeitgebern/Einrichtungen) um Teilhabe an Leben zu erleichtern
  • finanzielle (Weiter-)Förderung von bereits bestehenden Projekten zum Thema
  • Stellung konkreter Forderungen basierend auf aktuellen Bedarfen/Problemlagen
  • u.v.m.

Abschließend wurde aus den Arbeitsgruppen berichtet, die sich beim letzten Treffen gegründet hatten:

  • AG „Netzwerkarbeit“ (unterstützt die Koordination und den Ausbau des Bündnisses)
  • AG „Arbeit und Grundbildung“ (untersucht Grundbildung als Vorrausetzung zum Einstieg oder Verbleib in Arbeit und Ausbildung)
  • AG „Teilhabe“ (Austausch von Betroffenen und Verfassen von Texten, die auch in unregelmäßigen Abständen auf dem Alpha-Bündnis-Blog  veröffentlicht werden)
  • AG „Gesundheit und Grundbildung“ (bis jetzt noch eine Kooperation von Lesen und Schreiben e.V. und AWO Shifahane)

Weitere wichtige Ergebnisse umfassen das Angebot von Lesen und Schreiben e.V. , ab August 1x im Monat ein Treffen zu organisieren, um Bündnispartner noch genauer über die Zielgruppe, Möglichkeiten der Ansprache usw. zu informieren. Die Gründung einer Arbeitsgruppe „Politik und Grundbildung“ und die Präsentation des Alpha-Bündnisses Neukölln bei der „Woche der Sprachen und des Lesens“ wurden vorgeschlagen.

Unser nächstes Plenumstreffen findet am 22.August 2012 von 10:00 – 12.00 Uhr statt; der Raum wird noch bekannt gegeben.

Autor: Theresa Hamilton

Unterwegs beim Einkaufen für einen Kuchen!

Ich will einen Kuchen backen.

Es ist schwer, weil ich mir ja keinen Einkaufzettel schreiben kann. Ich muss mir alles einprägen. Das heißt, ich merke mir, wie was aussieht und klingt. „Geht das denn?“ fragt ihr euch. Klar geht das. Denn Backpulver und Vanillezucker klingen nicht gleich, wenn man sie schüttelt.

Nun mal los zum Einkaufen. Ich bin im Laden und versuche mich daran zu erinnern, was ich brauche und wie es aussieht. Dabei habe ich ein Scheißgefühl immer wieder aufs Neue, weil hier keiner weiß, dass ich nicht lesen kann. Das muss auch so bleiben, denn sie würden es nicht verstehen.

Alle können lesen, alle waren in der Schule! Niemand kann sich vorstellen, wie es ist, Schwierigkeiten im Lesen zu haben! Und scheinbar glaubt niemand, dass es Menschen wie mich gibt.

Ich brauche noch Milch. Das ist eine blaue Packung, wo ein Glas weiße Milch drauf ist. Ich muss aufpassen, denn es gibt ja die mit 1,5 % Fett und die 3,5 %ige. Ich brauche die mit 3,5% Fett. Das ist auch das, was mir dabei hilft, die Milch zu erkennen. Die 3,5 ist eine kleine Zahl, aber so eine große Hilfe für mich. ‚Eier habe ich zu Hause.’ denke ich, als mich plötzlich eine Frau fragt, ob ich wüsste, wo die Bratensoße sei. Verdammt! Panik macht sich in mir breit. ‚Was soll ich sagen? Dass ich es nicht weiß oder dass ich nicht lesen kann? Dass ich nicht mal weiß, wie die Packung aussieht?’ frage ich mich. Ich sage ihr, dass ich ihr leider nicht helfen kann und wende mich wieder meinem Einkauf zu. Verdammt! Das ist einer der Momente, die ich hasse, weil sie mich total überfordern.

Und da ist auch schon mein nächstes Problem! Ihr fragt euch, was das für ein Problem ist? Die Frage der Frau hat mich sehr durcheinander gebracht. Deswegen habe ich jetzt vergessen, was ich brauche und so doll ich mich auch anstrenge, es will mir nicht einfallen. Alles nur weil ich immer so eine Panik  habe, wenn so etwas passiert. Ich weiß nicht, was ich machen soll. Es ist immer so. Nun habe ich das Gefühl, wieder versagt zu haben. Ich gebe auf und gehe zur Kasse, bezahle mein Einkauf, mit dem Wissen, dass ich nicht alles habe, was ich einkaufen wollte.

Zuhause angekommen schmeiße ich alles hin und ärgere mich über mich selbst. Es muss doch etwas geben, was ich machen kann, damit ich es leichter im Leben habe. Da fällt mir ein, dass ich mal über so einen Verein gehört habe, wo ich das Lesen lernen kann. Ich horche mich um. Beim Arbeitsamt helfen sie mir. Sie geben mir die Adresse mit der Telefonnummer.

Am nächsten Tag rufe ich dort an und bekomme einen Termin. Ich freue mich darüber aber habe auch Angst. ‚Wie sind die Leute da und was wird von mir erwartet?’  Fragen über Fragen, die mir im Kopf rumschwirren. Was soll ich euch sagen? Heute bin ich dort und lerne lesen und schreiben und auch viele Menschen kennen. Alle sind liebe Menschen und helfen, wo sie können.

Und so habe ich schon eine Menge gelernt. Auch das Einkaufen ist nun kein Problem mehr. Das ist das Beste, was mir passieren konnte in meinem Leben.

Autor: AG Teilhabe

Nicht richtig lesen und schreiben können

Die Schule war in dem Heim, wo ich aufgewachsen bin. Da lernte man die Bibel in-  und auswendig. Das kleine Einmaleins kannte ich nicht und wir lernten auch nicht mit Geld umzugehen. Denn alles was Geld kostete, wurde uns vorgesetzt.

In dem Heim wurde mehr darauf geachtet, dass wir höflich zu älteren Menschen waren. Ich kannte meine Eltern nicht. Die Kinder und Erwachsenen waren meine Familie.

Solange, wie ich in dem Heim wohnte, hatte ich keine Probleme mit dem Lesen und Schreiben. Ich bekam, wenn andere Kinder draußen spielten, Nachhilfeunterricht, damit ich mit dem Schulstoff mitkam. Als ich in der 5. Klasse war, war ich so gut, dass ich ein halbes Jahr früher als die anderen in die 6. Klasse versetzt wurde. Zuerst war ich sehr glücklich darüber, aber es war mein Untergang. Ich bin überhaupt nicht mehr mitgekommen. Das machte mich krank. So krank, dass ich an die Ostsee zur Kur geschickt wurde. Daher war ich 6 Wochen lang nicht in der Schule. Kam aber gesund wieder. Nun überlegte man, ob ich wieder in die 6. oder in 5. Klasse gehen soll. Es wurde entschieden, dass ich in die 5. Klasse gehen sollte. Darüber habe ich mich gefreut, denn dort waren ja meine Freunde und meine Lieblingslehrerin. Es fiel  mir aber nicht leicht, den Anschluss zu finden.

Die Probleme wurden immer größer. Ich konnte mich überhaupt nicht konzentrieren.

Mit 12 Jahren lernte ich meine Mutter kennen. Sie und ihr Mann holten mich aus meiner Geborgenheit heraus. Meinte Mutter konnte sich nicht entscheiden, in welche Schule in nun gehen sollte. Ich sagte zu ihr „Lass mich doch weiter in meine alte Schule gehen. Da kenne ich alle, und sie kennen mich auch.“ Sie fragte nach, aber es wurde ihr gesagt, dass der Weg zu dieser Schule zu weit für mich wäre. Die Verantwortung wollten sie nicht übernehmen. So blieb 1 Jahr zu Hause. Danach ging ich wieder in eine Schule. Dort langweilte ich mich sehr, denn ich kannte schon den Stoff, der dort durchgenommen wurde. Ich spielte Karten unter dem Tisch, das hat keinen interessiert. Die Schule hat mir gefallen, aber trotzdem war ich nicht in der Lage, richtig zu lernen.

Ich bin 12 Jahre ich die Schule gegangen, und habe mein Bestes gegeben. Aber das Beste geben, half eigentlich überhaupt nichts.

Mit 18 Jahren wollte ich gern arbeiten, aber man gab mir keine Chance. Ich bekam keine Lehrstelle und auch keinen Job. Manchmal wünsche ich mir, dass man schon mit einer Ausbildung geboren wird… Mich ärgert es, dass Menschen mit einer Schreibschwäche in unserem Land keine Chance bekommen und scheinbar auch nicht bekommen werden. Ich wünsche mir, dass man den Menschen die jahrelang zur Schule gegangen sind eine Chance gibt, einen Beruf zu lernen. Damit, wenn sie Eltern sind, ihren Kindern helfen können und auch die Menschen ohne Kinder selbständig leben können, und nicht auf die Hilfe anderer angewiesen sind.

Ich komme mir oft vor, als würde ich nicht richtig dazu gehören. Das Leben in unserer Gesellschaft ist beschissen, wenn man Hartz IV bekommt und jeden Cent umdrehen muss.

Die Probleme fangen ja schon beim Ausfüllen der Dokumente auf dem Amt an. Würden mehr Menschen das Problem An-Alphabetismus kennen und erkennen, würde ich mich in unserer Gesellschaft wohler fühlen. Das Jobcenter würde uns dann keine Jobs mehr für1.50€ geben, sondern richtige Arbeit, die uns gefällt und wo man gut Geld verdienen kann und ohne Hilfe vom Amt leben kann.

Ich kann sehr viele Dinge, die ich gern zeigen und machen würde. Ich habe auch eine Ausbildung zur Pflegehelferin gemacht. Die Prüfung habe ich mündlich machen dürfen und alles auswendig gelernt. Ich habe die Prüfung bestanden. Aber ich kann in dem Beruf nicht arbeiten, weil ich aufschreiben müsste, was ich mit den Patienten mache und wie es ihnen geht. Das kann ich nicht. Aber ich könnte alles andere machen in dem Beruf, wenn man mich lassen würde.

Autor: AG Teilhabe

Mein Wunsch wäre …

Ich war in einer Grundschule in Bislich, bis der Lehrer sagte, ich würde die 2. Klasse nicht schaffen. Dann musste ich in eine andere Schule in Wesel. Das ist eine Schule für lernschwache Schüler gewesen. In dieser Schule lernen die Schüler langsamer, als die auf den Hauptschulen. Und heute hat man es schwer, was zu lernen. Egal ob für einen Beruf oder für Bewerbungen schreiben- besonders schlimm ist es, wenn man nicht weiß, wie man so was formulieren soll, um sich verkaufen zu können.

Es ist schwer, in der Gesellschaft zu zugeben, dass man nichts versteht und nicht lesen und schreiben kann.

Es gibt Arbeitsämter, die interessiert es nicht, wenn man nicht lesen und schreiben kann. Obwohl ich das Problem mehrmals angesprochen habe, wurde nicht darauf eingegangen. Da hieß es nur „Suchen Sie sich eine Schule, die wir nicht bezahlen müssen.“ Da fühle ich mich total verarscht.

Vor ein paar Jahren bin ich auf ein anderes Arbeitsamt gegangen, denen habe ich noch mal das Problem geschildert, dass ich das was ich lese, nicht verstehen kann und meinen Schulabschluss nachmachen würde. Da schickte mich meine Sachbearbeiterin zu Lesen und Schreiben e.V.- erstmal für ein Jahr.

Nun bin ich schon seit zwei Jahren und drei Monaten hier bei Lesen und Schreiben. Wer weiß, vielleicht kann ich irgendwann meinen Schulabschluss nachmachen.

Aber man lernt nie aus.

Hier im U-Bahnhof Karl-Marx-Straße hatte Lesen und Schreiben eine Vitrine aufgestellt. Dort war eine Telefonnummer zu sehen, die man anrufen kann, wenn man nicht lesen und schreiben kann oder jemanden kennt, der das nicht kann. Aber was nützt eine Telefonnummer, wenn man sich nicht traut, anzurufen. Dann muss man sich weiter durchs Leben mogeln.

An der Vitrine bleiben auch ein paar Leute stehen, und schauen sich alles an. Da drin ist zu sehen, wie man einen Kuchen bäckt. Viele Fragezeichen- nun ja so sieht es einer, der nicht lesen und schreiben kann. Sagt man das den Leuten auf dem Bahnhof, so wie ich es getan habe, werde ich mit großen Augen angeschaut. Als Antwort bekommt man Sätze wie „Ach lassen Sie mich damit in Ruhe!“

Überall wo man hinkommt ist man nur eine Nummer, das stört mich. Es kommt mir so vor, als kommt es gar nicht auf den Einzelnen an.

Autor: AG Teilhabe

Meine eigene Meinung …

Meine eigene Meinung zu meinen Chancen, eine Arbeit zu bekommen. Ich denke, es sieht nicht rosig aus.

Verständnis für mich in der Gesellschaft: 30%

Ich war 7 Jahre in der Schule, bin aber immer nach der 4.Stunde nach Hause gegangen.

Meine derzeitige Lebenssituation  ist von A bis Z beschissen.

Meine Erfahrung in Behörden ist, dass in dem Papierkram vieles missverstanden werden kann. Ich mag das nicht, Fehler zu machen, zumal alles was ich aufs Papier schreibe, gegen mich verwendet werden kann. Also fülle ich Anträge usw. lieber vor Ort mit den Bearbeitern aus.

Autor: AG Teilhabe

Wünsche der Lernenden

Wir wollen uns nicht unterdrückt fühlen. Oft kommen wir uns klein und minderwertig vor in dieser Gesellschaft. Und jeder sollte sich anhören, wie es uns geht, was unsere Erfahrungen sind, also sollten sich alle aus der Vogelperspektive mal in unsere Froschperspektive begeben.

Wir wollen auch anerkannt werden in dem Sinne, dass wir gleichberechtigte Menschen sind. Viele andere Dinge können wir perfekt, wir haben alle unsere Stärken. Wir wollen alle lesen und schreiben lernen, und das ist doch anerkennungswürdig, finden wir.

Wir wollen auch mal persönlich gefragt werden, was wir brauchen und benötigen. Wir wollen nicht alle zusammen „in einen Sack“ gesteckt werden. Wir sind jeder für sich verschieden. Unsere Gemeinsamkeit ist, dass wir alle Schwierigkeiten haben, richtig zu lesen und zu schreiben.

Oft lernen wir mit alten Unterrichtsmaterialien, die andere nicht mehr brauchen, weil sie schon so veraltet und beschädigt sind.  Die Bücher möchte oder kann man kaum noch  in die Hand nehmen. Wir wollen zeitgerechte Arbeitsmittel für Erwachsene.

Außerdem finden wir, gibt es zu wenige Einrichtungen für Alphabetisierung.

Wir finden es wichtig, dass man schon in den Kitas und in den Schulen schaut, ob dort schon Schwierigkeiten erkennbar sind. Da sollten die Kinder schon eine zusätzliche Förderung bekommen.

Autor: AG Teilhabe

2. Plenum des „Alpha-Bündnis Neukölln“ 2012

Mittwoch, den 06. Juni 2012, von 14:00 – 16:00 Uhr                                                                                

Ort: Diakoniewerk Simeon gGmbH, Morusstraße 18a, Haus der Begegnung im Erdgeschoss, großer Saal                                    

Programm:  

14:00 – 14:10 Uhr      Ankunft

14:10 – 14:20 Uhr      Einleitung: Alpha Bündnis Neukölln: Struktur und Ziele

14:20 – 14:50 Uhr      Wie erkenne ich die Zielgruppe in meiner Einrichtung?, Gruppenarbeit

14:50 – 15:20 Uhr      Ziele, Angebote und Bedarf der Bündnispartner, Gruppenarbeit

15:20 – 16:00 Uhr      Zusammenfassung der Ergebnisse
Bericht und Weiterarbeit der Arbeitsgruppen (AG Netzwerkarbeit, AG Gesundheit und Grundbildung, AG Arbeit und Grundbildung) Termine

Anmeldung: bis zum 01. Juni per E-Mail (alpha-buendnis@lesen-schreiben.com)

Wir freuen uns auf Sie!

Claire Paturle-Zynga