Zusammenfassung des Plenumstreffens am 28.03.2012

Fast 40 Vertreter aus der Politik, von  Bildungseinrichtungen und Beratungsstellen, sowie andere Interessierte und auch direkt Betroffene kamen am 28. März zum ersten Plenumstreffen in diesem Jahr zusammen.

Nach einleitenden Reden von der Schirmherrin Dr. Franziska Giffey, Bezirksstadträtin für Bildung, Schule, Kultur und Sport, und Ingan Küstermann vom Verein „Lesen und Schreiben, e.V.“ wurde eine wichtige Erkenntnis benannt: An-Alphabetismus ist kein reines Migrationsproblem und auch kein reines Bildungsproblem.

Das bedeutet, dass mangelnde Alphabetisierung und Grundbildung Auswirkungen auf ganz verschiedene Handlungsfelder hat: auf Gesundheit, auf Arbeit/Ökonomie, auf Justiz/Kriminalität, auf Kultur, auf zivilbürgerliches Engagement/sozialer Zusammenhang/Politikbeteiligung und auf Familie/Erziehung/Partnerschaft. (Quelle: Vortrag von Marion Döbert, www.reticon.de/nachrichten/alphabetisierung-ist-keine-insel-im-meer_2706.html)

Diese Handlungsfelder waren dann auch die Schwerpunkte des anschließenden Austauschs in Kleingruppen. Wie wirkt sich zum Beispiel mangelnde Grundbildung auf die Gesundheit aus? Welche Probleme können in der Familie oder in der Partnerschaft aus mangelnder Grundbildung resultieren? Es wurde unter anderem beschrieben, dass An-Alphabeten ein sehr viel höheres Risiko haben, an so unterschiedlichen Krankheiten, wie Depressionen, Essstörungen, Darmkrankheiten, Migräne und körperlicher Verspannung zu erkranken. Mangelnde Grundbildung kann auch zu dem Gefühl nicht zur Gesellschaft zu gehören, das sich entweder zum Rückzug aus Politik und Kultur oder in Kriminalität entlädt. Es wurde erkannt, dass an allen diesen Schnittpunkten für das Thema sensibilisiert werden muss. Das Alpha-Bündnis Neukölln braucht in vielen dieser Handlungsfelder noch weitere Partner.

Abschließend wurde die Weiterarbeit geplant. Es entstanden 3 Arbeitsgruppen zu den Themen „Netzwerkarbeit“, „Grundbildung und Gesundheit“ und „Grundbildung und Arbeit“. Außer der Möglichkeit aktiv an der Gruppenarbeit teilzunehmen, können Interessierte und Partner je nach eigenen Kapazitäten auch nur zu den gemeinsamen Plenumstreffen kommen, oder das Bündnis moralisch unterstützen, d.h. die Beitrittserklärung unterzeichnen und sich regelmäßig per Newsletter über die Weiterentwicklung auf dem Laufenden halten.

Das nächste Plenumstreffen findet am 6. Juni statt.

Aktionsbündnis Alphabetisierung und Grundbildung Neukölln – Was 2011 geschah:

Zum letzten Plenumstreffen im Jahr 2011 kamen über 20 Teilnehmer, die sich nach einleitenden Reden von Ingan Küstermann von „Lesen und Schreiben e.V.“ und der Bezirksstadträtin Dr. Franziska Giffey zu verschiedenen Problemen der Alphabetisierung und Grundbildung austauschten und nach Lösungsmöglichkeiten suchten.

Festgestellt wurde zum Beispiel, dass ein großer Sensibilisierungsbedarf bei Ämtern, Einrichtungen und Beratungsstellen besteht. Aber auch die breite Öffentlichkeit muss auf das Thema aufmerksam gemacht werden. Dazu wurden Ideen gesammelt, z.B. einen gemeinsamen Presseverteiler zu nutzen, eventuell einen Förderverein zu gründen, ein Quartiersmanagement für ganz Nord-Neukölln einzurichten oder Künstler zu gewinnen.

Als weitere Schwierigkeit wurde erkannt, dass unterschiedliche Vorstellungen über funktionale An-Alphabeten bestehen: sind sie deutsche Muttersprachler oder haben sie eine andere Muttersprache? Sind sie hier in Deutschland oder woanders aufgewachsen? Bei deutschsprachigen An-Alphabeten drängt sich dann die Frage auf, welche Probleme es im Schulsystem geben könnte. Hier wurde die Klassengröße genannt, aber auch die fehlende Sprachförderung und ein mögliches Desinteresse oder Überforderung der Lehrer/innen.

Allgemein gilt, dass Alphabetisierung als reines Bildungsproblem gesehen wird und daher die soziale Beratung vernachlässigt wird. Diesen Missständen wurden Lösungsmöglichkeiten entgegengestellt: eine bessere Aufklärung durch z.B. den Aufbau eines Beratungszentrums Neukölln oder einem/r Beauftragten für Alphabetisierung und Grundbildung in Neukölln. Außerdem müssten eine bessere Vermittlung in die verschiedenen Alphabetisierungsangebote ermöglicht werden, weitere Lernangebote eröffnet werden und attrakive, niedrigschwellige  Kulturangebote  entstehen, bzw. Zugang zu den bestehenden Angeboten vermittelt werden. Es wurde auch über eine Kooperation zwischen „Lesen und Schreiben e.V.“ und Anbietern von Integrationskursen nachgedacht. Vielleicht könnten auch eine Sitzung des Bildungsausschusses  im Verein „Lesen und Schreiben e.V.“ stattfinden.

Schließlich ging es um die Arbeit im Netzwerk und um das effektive Nutzen gemeinsamer Ressourcen. Zu wenig Betroffene, aber vor allem auch zu wenig Einrichtungen kennen „Lesen und Schreiben e.V.“. Daher sind verstärkte Informationsveranstaltungen, zentral gesammelte Informationen sowie ein besseres Zusammenarbeiten zwischen Anbietern in Neukölln notwendig. Wichtig ist auch der gute Übergang von der Beratungssituation in passende Angebote, da sich die Betroffenen häufig allein gelassen fühlen und sich nichts alleine zu trauen.

Nach dieser Einschätzung der Situation entstanden einige konkrete Vorschläge und Angebote. Das Kulturamt ermöglicht Betroffenen den Zugang zur Galerie und Termine für Information und Austausch wurden bekanntgegeben.  Eine Finanzierung des Aktionsbündnisses wurde endlich überdacht, und konnte 2012 in ein einjähriges Projekt „Alpha-Bündnis Neukölln“ umgesetzt werden.