„Wir brauchen alle Diskretion“

(Text zum Thema: Gesundheit und An-Alphabetismus, Lesung am 03.09.2012, bei AWO-Sifahane)

Es ist nachts. Ich habe große Schmerzen und mir tun die Knochen weh. Ich habe Fieber und der Kreislauf ist unten. Hoffentlich  ist es am Morgen besser, denn zum Arzt gehe ich nicht so gern. Beim Gedanken daran kriecht die Angst in mir hoch.

Ein Arztbesuch sieht nämlich meistens so aus:

Man muss ein Formular ausfüllen! Ich bekomme schon den ersten Schweißausbruch, wenn ich nur daran denke. Denn ich kann nicht gut lesen, geschweige denn gut schreiben. Was wird der Arzt von mir wollen? Und was soll ich bloß ausfüllen? Ich verstehe überhaupt nichts. Sieht man mir das etwa an?

Nun fragt die Arzthelferin mich auch schon „Sind Sie fertig mit dem Ausfüllen? Brauchen Sie noch lange?“ Und schon schauen mich alle an, die in der Praxis sind. Wissen sie, dass ich Probleme mit dem Lesen und Schreiben habe? Haben sie es bemerkt? Ich werde rot und verlasse die Praxis mit einem sehr schlechten Gefühl. Mir geht es jetzt noch schlechter als vorher.

Mein Handy klingelt- mein Arzt ist dran und fragt mich „Warum sind Sie nicht zur Untersuchung meiner Kollegen gegangen?“ Schon wieder muss ich mir die Antworten zurechtlegen. Ich hoffe, dass der Arzt nicht merkt, dass ich aus Scham und Unwissenheit die Praxis verlassen habe.

Menschen, die lesen und schreiben können- sind klar im Vorteil. Dazu ein Beispiel meines Bekannten zum Thema Diskretion.

Er ging in eine Praxis für Haut- und Geschlechtskrankheiten. Die Sprechstundenhilfe fragte ihn, was er denn habe, er antwortete darauf, er habe Syphilis. Sie und auch die anderen Patienten im Warteraum waren zutiefst entsetzt. Er wurde sofort zum Arzt gebeten. Diesem erzählte er dann, dass er denke, dass er nur ein Ekzem habe, aber er es unmöglich findet, dass die Sprechstundenhilfe so eine Frage vor anderen Patienten stellt. Der Arzt schmunzelte und versprach mit seiner Kollegin) zu sprechen.

Wie man sieht, haben auch Menschen, die lesen und schreiben können, Probleme beim Arzt, aber sie können besser reagieren, weil sie viel mutiger sind. Menschen, die Schwierigkeiten mit dem Lesen und Schreiben haben, bleiben lieber zu Hause und gehen ungern oder gar nicht zum Arzt, weil sie Angst haben, entdeckt zu werden, sich unsicher fühlen und befürchten, Fehler zu machen.

Wir brauchen alle Diskretion. Ohne die, wäre es jedem unangenehm, weil andere hinschauen oder hinhören. Es wäre besser, wenn darauf geachtet werden würde, dass die Intimsphäre der Menschen nicht verletzt wird.

Autor: AG Teilhabe

„Wenn es eine Schulung für Arzthelferinnen und Ärzte gäbe“

(Text zum Thema: Gesundheit und An-Alphabetismus, Lesung am 03.09.2012, bei AWO-Sifahane)

Ich habe einen Arzttermin und so viel geht mir wieder durch den Kopf. Hoffentlich ist da eine Arzthelferin, die nett ist. Und wie ist Arzt? 

Ich komme beim Arzt an und habe schon wieder Lust zu gehen, weil in mir die Angst hoch kommt, mich wieder zu Erkennen geben zu müssen, weil ich nicht lesen und schreiben kann. Da bekomme ich auch schon den Fragebogen, weil ich ja neu bei diesem Arzt bin. Die Arzthelferin guckt mich wieder mit diesem Blick an „Kann sie das nicht? Ist wohl zu doof dafür oder hat keine Lust dazu.“ Diese Blicke machen mir immer Angst. Ich weiß nicht, ob sie genau so denkt, aber wenn sie da so sitzt wie „7 Tage Regenwetter“- was soll ich da sonst denken?

Ich gehe ins Wartezimmer und gucke den Fragebogen voller Angst an. Nach einer halben Stunde habe ich erst meinen Namen geschrieben und nicht mehr. Da höre ich auch schon meinen Namen, den die Arzthelferin ruft. Ich weiß auch schon, was gleich kommt: die Frage, ob ich fertig bin mit dem Ausfüllen. Ich weiß nicht, was ich machen soll. Meine Beine sagen mir: „Lauf weg und drehe dich nicht um“, aber mein Kopf sagt: „Bleib hier und bitte um Hilfe!“. OK, ich nehme allen Mut zusammen und bitte die Arzthelferin darum, mir zu helfen. Da kommt die Frage, die ich hasse: „Können sie nicht lesen?“ –  „ Nein, und schreiben kann ich auch nicht“ sage ich. „Waren Sie nicht in der Schule?“ fragt sie mich weiter. Ich habe jetzt so eine Angst, dass mir schon die Tränen laufen. Anstatt es nun sein zu lassen, kommt es noch schlimmer, denn sie sagt: „ Das ist kein Grund, zu heulen. Haben Sie sich nicht so, war ja nur eine Frage.“ Woher will sie wissen, ob das ein Grund zum Weinen ist? Sie hat ja nicht das Problem und sie wird auch nicht so unsensibel behandelt, wie sie es gerade mit mir  tut. Zähneknirschend hilft sie mir den Fragebogen auszufüllen, wobei ich ihr anmerken kann, dass sie keine Lust dazu hat. Gut, nun habe ich das hinter mich gebracht und gehe wieder ins Wartezimmer. Die Zeit kommt mir wie eine Ewigkeit vor, bis ich meinen Namen wieder höre.

Ich gehe in das Behandlungszimmer und warte auf den Arzt, der ein paar Minuten später kommt. Er sagt mir guten Tag und fragt mich, was ich habe. Ich erzähle ihm, warum ich da bin und wo es mir weh tut. Ich erwähne auch gleich so nebenbei, dass ich nicht lesen und schreiben kann, da ich nicht noch mal das Gleiche durchmachen will, wie eben mit der Arzthelferin. Zu meinem Erstaunen lacht er nur und sagt: „ Ich habe kein Problem damit.“ Ich bekomme große Augen, denn damit habe ich nicht gerechnet. Ich erzähle ihm,  was ich im Wartezimmer mit der Arzthelferin durchmachen musste. Ich sage ihm, dass es schön wäre, wenn sie nur ein bisschen Mitgefühl für uns hätte, denn wir sind ja nicht doof, sondern haben nur eine Schwäche wie andere auch. Er verspricht, sich darum zu kümmern.

Als ich das nächste Mal beim Arzt bin, entschuldigt sich die Arzthelferin. Seitdem ist sie immer nett zu mir.

Wenn es eine Schulung für Arzthelferinnen und Ärzte gäbe, wo sie uns und die Tatsache, dass es uns gibt, kennenlernen würden- würden sie lernen, mit uns umzugehen- vieles wäre dann einfacher.

Autor: AG Teilhabe