Zusammenfassung 2.Plenumstreffen

Seit dem ersten Plenumstreffen Ende März hat sich im Alpha-Bündnis Neukölln viel getan, wie wir beim zweiten Treffen gemeinsam feststellen konnten.

Einleitend wurde die Zielgruppe des Alpha-Bündnisses Neukölln genau definiert: es betrifft diejenigen Lese- und Schreibschwachen, die ausreichend deutsch sprechen. Damit folgt das Bündnis der Leo-Studie und macht auf Bevölkerungsgruppen aufmerksam, die sonst meist unsichtbar bleiben.

Auf eine Präsentation von Ingan Küstermann zu Ursachen und Tarnung von Menschen mit mangelnder Grundbildung folgte eine Gruppenarbeit zum Thema „Woran erkenne ich die Zielgruppe in meiner Einrichtung?“ Unter anderem wurde genannt:

  • beim Namen schreiben oder malen
  • bei Missverständnissen bei Uhrzeit oder Verspätung bei Terminen
  • fehlendes Selbstbewusstsein
  • Lebenskünstler
  • starker Energieaufwand
  • u.v.m.

Auch über die Erwartungen an das Alpha-Bündnis Neukölln wurde differenziert diskutiert. Dabei wurde genannt:

  • einzelne Kompetenzen der Netzwerkpartner kennen und nutzen
  • Sensibilisierung/Wahrnehmung in der Gesellschaft schaffen
  • Schulung für die Mitarbeiter der Einrichtungen/Weiterbildungsmöglichkeiten von Dozenten schaffen
  • Weitervermittlung Betroffener an richtige Ansprechpartner
  • mehr Verständnis (bei Arbeitgebern/Einrichtungen) um Teilhabe an Leben zu erleichtern
  • finanzielle (Weiter-)Förderung von bereits bestehenden Projekten zum Thema
  • Stellung konkreter Forderungen basierend auf aktuellen Bedarfen/Problemlagen
  • u.v.m.

Abschließend wurde aus den Arbeitsgruppen berichtet, die sich beim letzten Treffen gegründet hatten:

  • AG „Netzwerkarbeit“ (unterstützt die Koordination und den Ausbau des Bündnisses)
  • AG „Arbeit und Grundbildung“ (untersucht Grundbildung als Vorrausetzung zum Einstieg oder Verbleib in Arbeit und Ausbildung)
  • AG „Teilhabe“ (Austausch von Betroffenen und Verfassen von Texten, die auch in unregelmäßigen Abständen auf dem Alpha-Bündnis-Blog  veröffentlicht werden)
  • AG „Gesundheit und Grundbildung“ (bis jetzt noch eine Kooperation von Lesen und Schreiben e.V. und AWO Shifahane)

Weitere wichtige Ergebnisse umfassen das Angebot von Lesen und Schreiben e.V. , ab August 1x im Monat ein Treffen zu organisieren, um Bündnispartner noch genauer über die Zielgruppe, Möglichkeiten der Ansprache usw. zu informieren. Die Gründung einer Arbeitsgruppe „Politik und Grundbildung“ und die Präsentation des Alpha-Bündnisses Neukölln bei der „Woche der Sprachen und des Lesens“ wurden vorgeschlagen.

Unser nächstes Plenumstreffen findet am 22.August 2012 von 10:00 – 12.00 Uhr statt; der Raum wird noch bekannt gegeben.

Autor: Theresa Hamilton

Unterwegs beim Einkaufen für einen Kuchen!

Ich will einen Kuchen backen.

Es ist schwer, weil ich mir ja keinen Einkaufzettel schreiben kann. Ich muss mir alles einprägen. Das heißt, ich merke mir, wie was aussieht und klingt. „Geht das denn?“ fragt ihr euch. Klar geht das. Denn Backpulver und Vanillezucker klingen nicht gleich, wenn man sie schüttelt.

Nun mal los zum Einkaufen. Ich bin im Laden und versuche mich daran zu erinnern, was ich brauche und wie es aussieht. Dabei habe ich ein Scheißgefühl immer wieder aufs Neue, weil hier keiner weiß, dass ich nicht lesen kann. Das muss auch so bleiben, denn sie würden es nicht verstehen.

Alle können lesen, alle waren in der Schule! Niemand kann sich vorstellen, wie es ist, Schwierigkeiten im Lesen zu haben! Und scheinbar glaubt niemand, dass es Menschen wie mich gibt.

Ich brauche noch Milch. Das ist eine blaue Packung, wo ein Glas weiße Milch drauf ist. Ich muss aufpassen, denn es gibt ja die mit 1,5 % Fett und die 3,5 %ige. Ich brauche die mit 3,5% Fett. Das ist auch das, was mir dabei hilft, die Milch zu erkennen. Die 3,5 ist eine kleine Zahl, aber so eine große Hilfe für mich. ‚Eier habe ich zu Hause.’ denke ich, als mich plötzlich eine Frau fragt, ob ich wüsste, wo die Bratensoße sei. Verdammt! Panik macht sich in mir breit. ‚Was soll ich sagen? Dass ich es nicht weiß oder dass ich nicht lesen kann? Dass ich nicht mal weiß, wie die Packung aussieht?’ frage ich mich. Ich sage ihr, dass ich ihr leider nicht helfen kann und wende mich wieder meinem Einkauf zu. Verdammt! Das ist einer der Momente, die ich hasse, weil sie mich total überfordern.

Und da ist auch schon mein nächstes Problem! Ihr fragt euch, was das für ein Problem ist? Die Frage der Frau hat mich sehr durcheinander gebracht. Deswegen habe ich jetzt vergessen, was ich brauche und so doll ich mich auch anstrenge, es will mir nicht einfallen. Alles nur weil ich immer so eine Panik  habe, wenn so etwas passiert. Ich weiß nicht, was ich machen soll. Es ist immer so. Nun habe ich das Gefühl, wieder versagt zu haben. Ich gebe auf und gehe zur Kasse, bezahle mein Einkauf, mit dem Wissen, dass ich nicht alles habe, was ich einkaufen wollte.

Zuhause angekommen schmeiße ich alles hin und ärgere mich über mich selbst. Es muss doch etwas geben, was ich machen kann, damit ich es leichter im Leben habe. Da fällt mir ein, dass ich mal über so einen Verein gehört habe, wo ich das Lesen lernen kann. Ich horche mich um. Beim Arbeitsamt helfen sie mir. Sie geben mir die Adresse mit der Telefonnummer.

Am nächsten Tag rufe ich dort an und bekomme einen Termin. Ich freue mich darüber aber habe auch Angst. ‚Wie sind die Leute da und was wird von mir erwartet?’  Fragen über Fragen, die mir im Kopf rumschwirren. Was soll ich euch sagen? Heute bin ich dort und lerne lesen und schreiben und auch viele Menschen kennen. Alle sind liebe Menschen und helfen, wo sie können.

Und so habe ich schon eine Menge gelernt. Auch das Einkaufen ist nun kein Problem mehr. Das ist das Beste, was mir passieren konnte in meinem Leben.

Autor: AG Teilhabe